There is an Impostor among us

© Stefanie Junges

»Das Hochstapler-Syndrom, teilweise auch Impostor-Syndrom […] ist ein psychologisches Phänomen, bei dem Betroffene von massiven Selbstzweifeln hinsichtlich eigener Fähigkeiten, Leistungen und Erfolge geplagt werden und unfähig sind, ihre persönlichen Erfolge zu internalisieren.« So steht es bei Wikipedia.

Erst im letzten Jahr bin ich mit diesem Begriff konfrontiert worden, als ich mich auf Twitter über den dort frisch erschienen Band Vom Arbeiterkind zur Professur (hg. v. Julia Reuter, Markus Gamper, Christina Möller und Frerk Blome) austauschte. Es ist beruhigend, dass es einen Namen für dieses Gefühl der befürchteten Scharlatanerie gibt, denn es impliziert, dass es auch anderen so geht wie mir. Kurz darauf fand ich auf Twitter heraus, dass es sogar in meiner Lit-Bubble einige Bildungsaufsteiger:innen gibt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich und die Selbstzweifel, die meine wissenschaftliche Arbeit immer wieder begleiten, auch kennen.

Immer wieder frage ich mich: Warum hat es so lange gedauert, bis mir das klar wurde? Warum wusste ich nicht schon vorher, dass ich nicht allein damit bin? Vielleicht lag es daran, dass ich mich zuvor nicht mit anderen Wissenschaftler:innen vernetzt habe und erst nun etwas über meine Fellows herausgefunden habe. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich meine Unsicherheiten eher im sicheren Umfeld meiner Freunde und Bekannten thematisiert habe, und andere das ebenso handhaben. Hätte ich bereits zuvor deutlich kundgetan, dass ich mich während meines Studiums wie eine Aussätzige gefühlt habe, die nur deshalb nicht aus der Bubble ausgestoßen wird, weil sie mit guten Noten brilliert und für niemanden eine ernsthafte Konkurrenz darstellt, hätte ich mir vielleicht viele Momente des Zweifelns gespart. Dabei war mir natürlich klar, dass ich mit Bestnoten durchaus eine ernstzunehmende Konkurrenz hätte sein müssen (bzw. war).

Ich stelle mir vor allem die Frage, woher diese Zweifel eigentlich kommen. Im Laufe der letzten Jahre geben mir meine wissenschaftlichen ›Erfolge‹ insofern recht, als ich inzwischen weiß, dass ich keine Hochstaplerin bin. Ich weiß, dass es auch als frisch Promovierte in Ordnung, ja sogar angebracht und zwingend notwendig ist, einen wissenschaftlichen Standpunkt selbstbewusst zu vertreten, solange ich ihn mit haltbaren Argumenten untermauern kann. Auch während des Studiums, noch bevor sich das wissenschaftliche Schreiben ernsthaft kultiviert hat, fand ich meine Arbeiten immer gut – und nicht nur ich. Woher also diese Sorge, nicht gut genug zu sein und jeden Moment aufzufliegen?

Mögliche Gründe könnten in Selbstwertproblemen liegen; doch muss ich bei einem ehrlichen Blick in den Spiegel zugeben, dass Bescheidenheit über meine wissenschaftlichen Erzeugnisse nicht unbedingt die erste Tugend ist, die ich mir in meinem Selbstverständnis als Literaturwissenschaftlerin attestieren würde. Zugegebenermaßen ist das eine Entwicklung, die sich vor allem gegen Ende der Promotionsphase eingestellt hat, als sichtbar wurde, dass die jahrelange Arbeit ein ›rundes‹ Produkt mit Hand und Fuß hervorgebracht hat.

Was ich feststelle: Schon beim Schreiben dieses letzten Satzes denke ich darüber nach, ihn wieder zu löschen. Was, wenn jemand die Arbeit gelesen hat und mir beweisen wird, dass sie doch nicht fundiert ist? Unwahrscheinlich – und dennoch ein Faktor, der die Angst vor Kritik spiegelt, die Sorge, einen Fehler übersehen zu haben und angreifbar zu sein. Mag es also letztlich daran liegen, Wissenschaft nicht vollends verstanden zu haben? Oder ist es, weil ich kein Vertrauen in meine eigene Kompetenz habe? Weder noch. Es ist die Sorge davor, dass andere die eigene Kompetenz nicht sehen und man sich in seiner Selbstwahrnehmung gravierend täuscht.

Was ich auch feststelle: Es ist höchst paradox, dass ich auf der einen Seite meine Selbstwirksamkeit erfahren habe und mir meiner Kompetenzen (und auch der Defizite) bewusst bin, mich sogar als selbsbewusst bezeichne (und von einem Schüler sogar mal als »zu selbstbewusst« bezeichnet wurde), während auf der anderen Seite immer wieder Zweifel an meiner wissenschaftlichen Qualifikation aufkeimen. In der Hoffnung, dass dies nicht einer unerkannten Persönlichkeitsstörung oder -spaltung zuzuschreiben ist, muss ich annehmen, dass das Impostor-Syndrom also nicht einfach etwas ist, das man ausschließlich selbst erzeugt und damit auch selbst abschütteln kann, sondern es muss das Resultat von Interaktionen sein; denn soweit ich mich erinnere, hatte ich das zu Schulzeiten nicht. Warum auch? Ich konnte mich durch gute Noten beweisen.

Einer der gewichtigeren Gründe, aus denen ich in steter Sorge lebe, als Hochstaplerin enttarnt zu werden, liegt darin, dass ich mich mit meiner (Bildungs-)Biographie nicht legitimiert fühle. Als stünde es mir mit meiner sozioökonomischen Herkunft nicht zu, den Doktortitel zu führen, da ich bis heute immer wieder peinliche Flüchtigkeits- und Rechtschreibfehler mache oder duden.de öffne und Wortbedeutungen recherchiere, von denen ich annehme, dass andere es nicht tun müssten. Als müsste ich doppelt so hart arbeiten, um auf den Stand zu gelangen, von dem aus andere Student:innen aus Akademiker:innenhaushalten bereits starten, um dann nur wieder mit klaffenden Defiziten konfrontiert zu werden und von vorne anzufangen. Als sei schon von Beginn an eine Obergrenze gesetzt, die ich nicht überschreiten können werde; als sei Perfektion das für mich unerreichbare Ziel; während andere schon in der Nähe starten.

Dass das maßlos übertrieben ist, ist klar, was aber nicht übertrieben ist: Bildungsaufsteiger:innen starten von einem anderen Punkt auf dem Spielbrett, den Graben, den sie überspringen müssen, um auf dem Feld zu landen, von dem aus andere auf den akademischen Spielfeld ihre Züge beginnen, ist real. Dieser Graben ist gefüllt mit habituellen Anpassungsschwierigkeiten, oftmals finanziellen Nöten, Verunsicherung und mangelndem familiärem Halt in akademischen Belangen.

Ich hatte noch nie Dozent:innen oder Professor:innen, die mir auch nur ansatzweise gravierende intellektuelle Defizite oder wissenschaftliche Inkompetenz unterstellt oder angedeutet hätten. Im Gegenteil! Seit meinem Bachelorstudium wurde ich sogar explizit ermuntert, weiterhin wissenschaftlich zu arbeiten. Den Schritt in die Promotion habe ich nur gewagt, weil der Zweitgutachter meiner Masterarbeit sein Gutachten als ›Metakritik‹ bezeichnet hat, die er nur auf Grundlage einer herausragenden Leistung äußern könne. Hier habe ich also von zwei Professor:innen die Legitimation erhalten, die Bescheinigung, dass meine wissenschaftliche Kompetenz nicht nur ›reicht‹, um zu promovieren, sondern geradezu nötig mache, eine Wissenschaftskarriere zu verfolgen. Meine Arbeit hat Hand und Fuß, das wurde mir mehrfach z. B. durch die Gutachten belegt. Doch warum habe ich das Impostor-Syndrom dann mit meinen ›Erfolgen‹ nicht abgelegt?

Ich blicke hilfesuchend wieder auf die Wikipedia-Definition und frage mich, ob ich hier wohl wissenschaftlichen Hochverrat begehe, weil ich Wikipedia zitiert habe. Das Impostor-Syndrom sei die Unfähigkeit, die eigenen »Erfolge zu internalisieren«. Das ist der Punkt, an dem ich mich ertappt fühle. Einerseits bemerke ich sofort, dass ich noch im letzten Absatz Erfolge in einfache Anführungszeichen gesetzt habe, als seien sie keine echten Erfolge. Ich muss mir eingestehen: Stimmt, ich sehe keine Erfolge, keine Leistung. Ich bin nicht übermäßig stolz auf das Erreichte, obwohl mir der ungewöhnliche Lebensweg mit außerordentlicher Bildungsbiographie mehr als bewusst ist. Lange habe ich es für Bescheidenheit gehalten, aber wenn ich das näher betrachte, merke ich eine fehlgeleitete Haltung: Leistung, das kostet einen etwas, so dachte ich immer. Wenn ich es also so einfach schaffe, dann kann es so schwer nicht sein, bin ich doch eigentlich nichts Besonderes.

Mich haben Studium und Promotion in erster Linie Geld gekostet. Es war ein Kampf, die eigene Existenz finanziell zu sichern und persönliche Dinge so weit zu bewältigen, dass sie den erfolgreichen Abschluss nicht torpedierten. Das wissenschaftliche Arbeiten, das Recherchieren, Exzerpieren, Strukturieren und Schreiben – nichts davon hat mir nennenswerte Mühe bereitet. Ich wusste ja auch um meine eigene Kompetenz und Selbstwirksamkeit, ich habe sie nur nie für außergewöhnlich gehalten. Zu promovieren war etwas, das mich mit purer Glückseligkeit erfüllt hat – etwas, in dem ich nicht einfach gut war, sondern persönliche Erfüllung gefunden habe und aus dieser Haltung heraus auch diese Leichtigkeit erklärt habe: ›Ich bin gut darin, weil ich es gerne mache und weil es mir leicht fällt, macht es mir Spaß, also kann das auch jeder, der Freude daran findet.‹

Ein Umstand, für den ich von anderen Doktorand:innen schon das ein oder andere mal mit kritischen Blicken ›abgestraft‹ wurde oder es zumindest so empfunden habe. Ich habe mich oft gefragt, ob es womöglich daran liegt, dass ich mit meiner puren Freude und Leichtigkeit am Arbeiten unterschwellig das Gefühl vermittelt habe, die anderen machten etwas falsch, wenn es ihnen nicht gelinge? Als würde ich ihnen ihre Leistung aberkennen, nur weil ich meine eigene nicht wahrnehme. Ich könnte gut nachvollziehen, wenn andere das so auffassen würden, auch wenn es weniger etwas über meine Haltung aussagt (die dem selbstredend nicht entspricht), sondern vielleicht nur offenbart, dass das Impostor-Syndrom verbreiteter ist, als man denkt. Es ist ja nicht das fragwürdige Privileg der Bildungsaufsteiger:innen, sich wie Hochstapler:innen zu fühlen. Etwas, das ich in den letzten Jahre immer häufiger im Austausch mit anderen Wissenschaftler:innen erlebt habe, die nicht als Bildungsaufsteiger:innen gelten.

Paradoxerweise empfinde ich es aber genau anders herum. Ich bin beeindruckt von den wissenschaftlichen Leistungen anderer und denke sofort, dass ich da nicht ›mithalten‹ kann und demnach keine Chance auf dem hart umkämpften Arbeitsmarkt habe. Allerdings nicht (nur) wegen einer Angst vor unerkannten inhaltlichen Mängeln meiner Arbeit, sondern eher aus Sorge, dass andere die Qualität meiner Arbeit nicht erkennen werden oder wollen, weil ich nicht dazu gehöre. Wenn ich also offen gesagt habe, wie viel Freude mir die Literaturwissenschaft bereitet, fühlte es sich an, als würde ich dafür abgestraft werden, weil ich außerhalb der Norm liege – gleichzeitig war doch genau das immer Teil meines Problems: nie dazu gehören können. Glaube ich also eigentlich, meine Leistung sei in den Augen anderer keine Leistung, weil sie für mich nicht das gleiche Ringen und Kämpfen bedeutet hat, wie für andere, mit denen ich gesprochen habe?

Als sei meine Arbeit zwangsläufig inhaltlich weniger gehaltvoll, nur weil ich mich nicht nennenswert in thematischen oder methodischen Sackgassen wiedergefunden habe; als hätte ich es nicht richtig gemacht. Mein Impostor-Syndrom wird vom stetigen Gefühl begleitet, nicht offen reden zu dürfen, ohne andere zu verprellen oder enttarnt zu werden. Dieses Gefühl entstammt keinem Selbstwertproblem, sondern ist das Resultat des von außen gespiegelten Verhaltenscodex, gegen den ich also in meinem Wunsch nach mehr Offenheit verstoße. Als hätte ich beim wissenschaftlichen Initiationsritus einen gigantischen Fauxpas begangen, denn über Karriereambitionen und die eigenen Unsicherheiten redet man nicht. Dabei war ich selbst verwundert darüber, wie leicht das alles war, bis ich vor einem Jahr erfahren habe, warum das so war – wieder eine ›Diagnose‹, die mich als ›unnormal‹ bzw. außerhalb der Norm lebend ausweist. Schwer waren und sind für mich andere Dinge; Dinge, die meine Kommiliton:innen aus Akademiker:innenhaushalten (glücklicherweise) nicht verstehen können. Teils auch Dinge, die selbst andere Bildungsaufsteiger:innen in meinem Umfeld nicht kannten. Ein Umstand, der das Selbstbild vom Einzelnen auf weiter Flur eher verstärkt.

Wie also muss ich damit umgehen? Wie gehe ich um mit dem Zwiespalt zwischen dem Wunsch, mich offen auszutauschen und Gleichgesinnte zu finden, der Angst, anderen damit unterschwellig die eigene Leistung abzusprechen und zu fürchten, dass ich zwar eigentlich qualifiziert bin, aber trotzdem nicht konkurrenzfähig und zudem noch unverstanden bin? Wieder blicke ich auf die Wikipedia-Definition: Es handelt sich um ein »psychologisches Phänomen«. Das Impostor-Syndrom beschreibt also diese Ambivalenz von Ratio und Emotion. Das bedeutet dann auch: Ich kann mich noch so oft selbst bestärken, mich von anderen ermutigen und legitimieren lassen, mit meiner Vernunft werde ich das Gefühl nicht besiegen. Gefühl durch (Mit-)Gefühl formen und verändern klappt hingegen gut.

Was hilft also gegen das Impostor-Syndrom? Selbstlegitimation scheint ein möglicher Weg aus der Hochstapler:innen-Falle zu sein. Ich kann ihn Pflastern mit selbstvergewissernden Gutachten, Zeugnissen, Urkunden, aber damit ist nur einem Teil abgeholfen. Dem Teil nämlich, den ich alleine bewältigen kann, indem ich mein Selbstwirksamkeits-Mantra herunterbete. Den anderen Teil des Weges kann ich aber nicht alleine bestreiten. Ich komme nicht zum Ziel, wenn ich ihn schweigend in Isolation beschreite. Die Hoffnung darauf, verstanden zu werden kann ich nur haben, wenn ich offen spreche. Ob mir jedoch offen geantwortet wird, liegt leider nicht in meiner Hand. Aber mich beschleicht der Verdacht, dass offene(re) Kommunikation über Herausforderungen, Unsicherheiten und Selbstzweifel einen nicht einfach als inkompetenten Hochstapler:in entlarven, sondern aufzeigen, dass man eine:r von Vielen ist – und damit gehört man eben doch zu den anderen.

Autorin: Stefanie Junges

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